Vor der Perfektion steht die Dekonstruktion. Bevor Axel Budde in seiner Hamburger Motorrad-Manufaktur die Träume seiner Kunden erfüllt, zerlegt er zunächst ein altes Motorrad komplett in seine Einzelteile. Mit größter Sorgfalt baut er aus alten V2 Moto Guzzis Unikate für höchste Ansprüche und in einem unverwechselbaren Look.

In einer unscheinbaren Seitenstraße von Hamburg-Wilhelmsburg, vor der Kulisse der Elbbrücken und des Industriehafens, befindet sich eine ganz eigene Art einer Motorrad-Manufaktur. Hinter eleganten Holztoren vermischt sich der Duft von Schmieröl und frischem Espresso. "Erst mal einen Kaffee?” ist die Willkommens-Frage, die hier zur Haltung wird. Unter Dampfen und Zischen wird mit größter Sorgfalt ein köstlicher Kaffee in einer historischen Siebträgermaschine von 1964 gebrüht. Die Motorräder, die ordentlich aufgereiht auf der Galerie oberhalb stehen, sind nur wenig jünger als die italienische Kaffeemaschine und stammen auch aus Italien. Es sind klassische Moto Guzzi-Modelle mit V2-Motoren aus den 70ern und 80ern. Sie dienen als Basis für die typischen, handgefertigten Motorräder, die Axel Budde seit 15 Jahren unter dem Label “Kaffeemaschine Motorcycles” baut. Er hat sich international einen Namen gemacht, jenseits konventioneller Customizer, quasi als Maßschneider für Motorräder mit seinem eigenen, unverkennbaren Stil. Was Kaffeemaschine Motorcycles von vielen anderen Custom-Werkstätten unterscheidet, ist nicht nur die präzise Handwerkskunst, sondern die konsequente stilistische Positionierung. In einer Welt, in der Custombikes oft zu lauten Showpieces mit maximaler visueller Präsenz tendieren, setzen Budde und sein Team auf die stille Kraft der Balance: eine Linie, die von einem blanken Rahmen getragen wird. Durch die Reduzierung auf das Wesentliche entsteht der typische “Unfiltered Look”, der stark an die legendären, englischen Cafe Racer aus den 50ern erinnert. Unfiltered bezieht sich dabei auch auf die Motorengeräusche, die durch selbst gefertigte 45er-Krümmer mit speziellen Chromschalldämpfern zu einem satten und perfekt ausgewogenen Grollen ertönen. Das ist dann Musik in den Ohren von Axe Budde, der früher auch Schlagzeuger war.

„Unsere Motorräder sprechen direkt in die Seele und ins Mark, ein fesselnder Dialog mit einer mechanischen Maschine, die jeden Kilometer besonders macht und sich über alle Sinne mitteilt“, beschreibt Budde seine Vision. Für ihn ist ein Motorrad kein reines Fortbewegungsmittel. Es ist ein Begleiter, ein Objekt persönlicher Bindung mit Charakter. Möglich wird das alles, weil der Autodidakt und ehemalige Fotograf die historischen V2 Maschinen komplett in ihre Einzelteile zerlegt und den Rahmen und den Motor einer kompletten Revision unterzieht. Schaltung und Elektrik sind von ihm entworfenen Bauteile, die in Manufakturen in Kleinstserie für ihn hergestellt werden, unter anderem in der Firma seines Geschäftspartners, der ein Unternehmen für Raumfahrttechnik hat. Die Bikes, die in zwei Typen entstehen, als Touring oder Racer-Model, sind also Oldtimer, aber im Prinzip völlig neue, in der Leistung verbesserte Hight-Tech Bikes. Nicht mehr als 4-5 Stück pro Jahr verlassen die Werkstatt. Acht Monate dauert im Schnitt der Prozess, während dem der Kunde gerne so oft wie möglich vorbeischaut, nicht nur wegen des guten Kaffees. Jedes Einzelteil wird abgebaut, gereinigt, jede Schraube einzeln abgedreht, alles Überflüssige weggenommen, poliert, mattiert oder gefräst. Die Verkleidung wird aus federleichtem Carbon hergestellt - Handwerk trifft Hightech. Praktische Details wie ein eigens kreierter Tank-Rucksack, ein unsichtbares Schließfach unter dem Sitz oder die ein- und ausfahrbare USB-Buchse zeugen von dem detailverliebten Tüftlergeist eines leidenschaftlichen Touren-Fahrers. Axel zeigt mir stolz, wie klein die Abfall-Box ist, die am Ende eines Umbaus mit wenigen Resten gefüllt wird, weil fast alle Materialien und Bauteile wiederverwendet werden. Er ist nicht nur Perfektionist und Ästhet, es ist ihm wichtig, Altes zu bewahren und sich Zeit zu nehmen in einer immer hektischer werdenden Zeit. Dinge eher für die Ewigkeit bauen, als ständig Neuem hinterherzujagen. Einen höheren fünfstelligen Betrag sollte man schon investieren für so einen lebenslangen Begleiter auf zwei Rädern.
