Vor einiger Zeit hörte ich folgenden Spruch:
Früher kochten die Mädchen wie ihre Mütter. Heute saufen sie wie ihre Väter…
Natürlich ist dieser Satz überspitzt – aber gerade Überspitzungen verraten oft mehr über gesellschaftliche Dynamiken als nüchterne Analysen. Und wie so häufig stellt sich die Frage: Welche Wahrheit steckt darin? Und mehr noch: Was bedeutet das für unsere heutigen Umgangsformen?
„Ich habe die seligsten Stunden in dem Zirkel liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt, und wenn etwas Gutes an mir ist, wenn nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen, Erbitterung, Mißmut und Feindseligkeit noch nicht Wohlwollen, Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben, so danke ich es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter gehabt hat.“
— Adolph Freiherr Knigge
Wir leben in einer Zeit, in der tradierte Geschlechterrollen einerseits kritisch hinterfragt, andererseits aber unbewusst weitergegeben werden. Höflichkeit und guter Stil können dabei durchaus zum Minenfeld werden – und verlangen heute etwas mehr Reflexion als früher.
Privatheit vs. Professionalität
Es ist daher sinnvoll, zwischen beruflichem und privatem Umfeld zu unterscheiden. Im Privaten gelten Nähe, Vertrautheit und Traditionen meist stärker. Niemand wird schief angesehen, wenn er seiner Partnerin den Mantel reicht oder sie ihm. Diese Form der wertschätzenden Aufmerksamkeit ist Teil eines stilvollen Miteinanders – und weit weniger politisch aufgeladen, als gelegentlich behauptet wird.
Im Berufsleben hingegen herrschen andere Maßstäbe: Neutralität, Professionalität und Rollenklarheit. Diese Rolle bezieht sich ausdrücklich nicht auf das Geschlecht – und erst recht nicht auf traditionelle Geschlechterbilder. Nur weil im Privaten bestimmte Gesten üblich sind, können sie im geschäftlichen Kontext dennoch deplatziert wirken. Die eigene Galanterie gilt es im beruflichen Umfeld entsprechend feiner zu kalibrieren.