Die Alpen sind groß genug für alle. Doch nicht jedes Hotel passt zu jedem Lebensmoment. Wer mit Kindern reist, sucht anderes als frisch Verliebte. Und wer Abgeschiedenheit braucht, will weder das eine noch das andere um sich haben. Drei Häuser in Tirol und Südtirol zeigen, wie unterschiedlich alpine Gastfreundschaft heute interpretiert werden kann.
Für Familien: Rieser Achensee Resort, Pertisau
Der Achensee, von den Tirolern als ihr „Meer" bezeichnet, liegt eingebettet in die Kulisse des Karwendelgebirges. An seinem Ufer in Pertisau führt Familie Rieser seit 75 Jahren ein Hotel, das im Sommer 2024 sein Jubiläum feierte. Ernst und Gabi Rieser leiten das Haus gemeinsam mit ihren drei Töchtern Theresa, Alexandra und Patricia – ein Umstand, der sich weniger in Broschüren als in der Atmosphäre bemerkbar macht.
Das Konzept folgt einem Prinzip der klugen Trennung. Nach einem Umbau im Dezember 2022 verfügt das Resort über ein Adults-Only-SeeSpa auf zwei Etagen: Panoramasauna mit Seeblick, der neue Außenpool „Sunseit", Relaxpool und Bio-Badeteich. Kinder haben einen eigenen Indoor-Poolbereich. Die Rechnung geht auf: Eltern finden Ruhe, ohne den Nachwuchs in fremde Hände geben zu müssen.
Die Region empfiehlt sich besonders für Aktivurlauber. Im Winter erschließen sich vom Hotel aus bis zu zweihundert Kilometer präparierte Langlaufloipen, der Einstieg liegt unmittelbar vor der Tür. Im Sommer laden dieselben Wege zum Radfahren und Wandern ein. Abends serviert die Küche ein Fünf-Gänge-Menü, das regionale Tradition mit zeitgemäßer Leichtigkeit verbindet.
Was bleibt, ist der See selbst. Im Sommer zum Baden, ganzjährig zum Spazieren. Wenn die Abendsonne hinter dem Karwendel versinkt, wird deutlich, weshalb Generationen von Gästen an diesen Ort zurückkehren.
Für Paare: Tenne Lodges, Ratschings
Jenseits des Brenners, im Südtiroler Ratschingstal, haben die Tenne Lodges seit ihrer Eröffnung im Dezember 2016 eine klare Handschrift entwickelt. Familie Rainer-Schölzhorn, seit mehr als vier Jahrzehnten in der Hotellerie tätig, setzt auf die Verbindung von zeitgenössischem Design und alpiner Geborgenheit. Der älteste Sohn Daniel Schölzhorn verantwortet die Fünf-Sterne-Lodges.
Das Haus richtet sich vornehmlich an Paare. Die Architektur – klare Linien, viel Holz, bodentiefe Fenster – schafft Intimität ohne Enge. Der Wellnessbereich mit Sauna, Dampfbad und Whirlpool ist großzügig bemessen, aber nie überlaufen. Im Winter liegt die Talstation des Skigebiets Ratschings-Jaufen fußläufig entfernt. Mit der modernen Achter-Kabinenbahn erreicht man in wenigen Minuten die Bergstation auf 2.150 Metern, von wo aus sich 28 Pistenkilometer erschließen.
Im Sommer locken Almwiesen und Höhenwege. Der neu eröffnete Summit Mountain Club bietet gehobene Bergküche mit Aussicht. Abends, zurück in der Lodge, entfaltet sich jene Zweisamkeit, die andernorts durch Animationsprogramme und Familienlärm gestört würde.
Ein Randvermerk für Familien: Der örtliche Tourismusverband bietet am Berg eine Erlebnis-Rallye für Kinder an – Rätselstationen zur alpinen Fauna und Flora, am Ende winkt eine Medaille. Meine siebenjährige Tochter Freda fand den Berg anfangs wenig aufregend. Am nächsten Morgen bestand sie darauf, zur Rallye zurückzukehren. Das Konzept funktioniert. Das Herz der Tenne Lodges aber schlägt für Paare.
Für Ruhesuchende: ARUA Private Spa Villas, Dorf Tirol
Oberhalb von Meran, in Dorf Tirol, verfolgen die ARUA Private Spa Villas ein Konzept konsequenter Abgeschiedenheit. Die 2019 auf dem Grundstück des historischen Gandbauerhofs errichtete Anlage umfasst sechs Villen zwischen 210 und 460 Quadratmetern sowie seit 2024 das Chalet Stadel – ein behutsam renovierter, 380 Jahre alter Stadel, der ausschließlich Erwachsenen vorbehalten ist.
Der Name entstammt dem Südtiroler Dialekt: „A rua" bezeichnet einen Zustand vollkommener Ruhe. Das Versprechen wird eingelöst. Jede Villa verfügt über mindestens zwei Schlafzimmer, private Sauna, Minipool und eine Terrasse mit Blick über Meran bis zu den Dolomiten. Es gibt keine Lobby, kein Restaurant, keinen gesellschaftlichen Zwang. Man bezieht seine Villa und ist für sich.
Das kulinarische Konzept bietet zwei Wege. Zum einen das „In Villa Dining": Man bestellt aus der Karte der zur Hidalgo Collection gehörenden Haubenrestaurants Hidalgo und AOMI, das Essen wird in die Villa geliefert. Zum anderen die Möglichkeit, vorgekochte Gerichte in der eigenen Küche selbst zuzubereiten. Ich entschied mich für Letzteres – ein perfekt gereiftes Vorgreif-Steak, cremiges Kartoffelpüree, Gemüse der Saison. Wir aßen auf der Terrasse, die Augustsonne versank über den Weinbergen, und niemand fragte, ob noch alles in Ordnung sei.
Das Grundstück selbst verdient Erwähnung: Olivenbäume, Weinreben, Mandelbäume, Zypressen. Die Villen tragen deren lateinische Namen – Olea, Vitis, Mandorla. Der wohl höchstgelegene Olivenhain Südtirols findet sich hier. Das Frühstück wird morgens auf die Terrasse gebracht, diskret und pünktlich.
Die ARUA verlangt eine gewisse Disposition. Wer Gesellschaft sucht, wer abends an die Bar möchte, wer Programm erwartet, wird hier nicht glücklich. Wer hingegen morgens im privaten Whirlpool sitzt, während die ersten Sonnenstrahlen über die Berge fallen, und dabei niemanden sehen will außer dem Menschen, mit dem er angereist ist – der findet, was andernorts nicht zu haben ist.
Der Allrounder: Hotel Klosterbräu, Seefeld
Manche Hotels muss man erklären. Das Klosterbräu erklärt sich selbst – durch 500 Jahre Geschichte, die man in jedem Gewölbe spürt. Kaiser Maximilian I. gründete das Kloster 1516 als Pilgerherberge. Seit über 200 Jahren führt Familie Seyrling das Haus, mittlerweile in der siebten Generation. Acht Familienmitglieder kümmern sich um den Betrieb, dazu Hund Moritz.
Was das Klosterbräu zum Allrounder macht: Es schließt niemanden aus. Familien finden Kinderbetreuung an sechs Tagen pro Woche, einen Kids' Club, einen Streichelzoo auf der hauseigenen Farm. Paare buchen das romantische Dinner im 500 Jahre alten Klosterkeller oder auf dem Romeo-und-Julia-Balkon. Ruhesuchende verschwinden im 3.500 Quadratmeter großen Spiritual Spa mit sieben Themensaunen, Innen- und Außenpool.
Neun verschiedene Restaurants bedienen jeden Geschmack – vom Sechs-Gänge-Menü in der Ritter-Oswald-Stube bis zu Tiroler Tapas im Bräukeller. Seit 2014 braut das Haus wieder eigenes Bier, nach 80 Jahren Pause. Die 150.000 Quadratmeter Parkanlage laden zum Spazieren ein, 260 Kilometer Langlaufloipen beginnen in der Umgebung.
Der Standort in Seefelds Fußgängerzone bedeutet: kein Autolärm, aber Leben drumherum. Man kann ausgehen oder bleiben. Das Klosterbräu funktioniert für ein Wochenende zu zweit ebenso wie für den Mehrgenerationenurlaub. Wer nicht weiß, was er sucht, findet es hier.