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Altagamma Präsident, Matteo Lunelli, im Gespräch.

Im Juni übergibt Matteo Lunelli die Präsidentschaft von Altagamma. Ein Portrait über sechs Jahre an der Spitze jener Organisation, die definiert, was italienischer Luxus ist – und über einen Mann, der die Branche durch ihre schwerste Bewährungsprobe seit der Finanzkrise führte.

Altagamma Präsident, Matteo Lunelli, im Gespräch.
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Nach der Altagamma-Konferenz, im Mailänder Palazzo, wo gerade die Jahresversammlung zu Ende gegangen ist, zeigt sich die Hierarchie der italienischen Luxusindustrie. Beim Lunch ist Matteo Lunelli der gefragteste Mann im Raum. Alle paar Minuten wird das Gespräch unterbrochen – ein Händedruck hier, ein kurzes Wort dort. Die CEOs der großen Häuser kommen an seinen Tisch, suchen den Austausch.


Lunelli, seit 2020 Präsident, vereint in seiner Person zwei Welten: Er ist Winzer von Ferrari Trento und gleichzeitig der Mann, der über 100 italienische Marken von Ferrari bis Armani zusammenhält, die gemeinsam 140 Milliarden Euro Jahresumsatz erwirtschaften und elf Prozent aller EU-Exporte repräsentieren. Altagamma, 1992 gegründet, ist mehr als ein Lobbyverband. Es ist die Instanz, die definiert, was zum italienischen Luxus gehört.


Als Inhaber von Ferrari Trento baute Lunelli den Trentodoc auf, der 2021 Champagner von den Formel-1-Podien verdrängte. In den Kellern im Trentino, wo Wein jahrelang reift, entwickelte er eine Philosophie: „Ein exzellenter Wein lässt sich nicht hetzen.” Diese Haltung prägt seinen Blick auf die Krise des Luxussektors.


Die jüngste Bain-Altagamma-Studie dokumentiert einen dramatischen Einbruch: Von 400 Millionen Luxuskunden weltweit im Jahr 2022 blieben 2024 noch 350 Millionen, 2025 nur noch 330 Millionen. Die Mittelschicht bricht weg, die Generation Z stellt ethische Fragen, auf die Markenlogos keine Antwort geben. Lunellis Diagnose ist präzise: „Einige Marken haben durch extreme Preiserhöhungen – die ‚Elevation’ – die Verbindung zur Realität verloren.”
Was Altagamma unter Lunelli zu mehr als einem Interessenverband macht, ist sein Verständnis von Luxus als Verantwortung. Er arbeitet an einer Zertifizierung der gesamten Lieferkette.

„Wenn wir Exzellenz versprechen, müssen wir sie bei 360 Grad liefern, sowohl im Umgang mit der Umwelt und vor allem mit den Menschen”, sagt er. Sein Ziel: Den „Sub-Sub-Unternehmer aus der Anonymität holen.”

Nach den jüngsten Skandalen um Ausbeutung in der Modeproduktion keine Phrase.
Seine bleibende Leistung ist das „Bündnis der Rivalen”. Lunelli hat erreicht, dass Gucci und Prada, Ferrari und Lamborghini bei Altagamma kooperieren. „Cooperate to better compete”, nennt er es. Er versteht Luxus als „Soft Power” – wenn ein High-End-Resort in Apulien eröffnet, verändert sich eine Region. Immobilienpreise steigen, Schulen entstehen, Handwerk floriert. „Der High-End-Sektor ist nicht der Feind der Armen, er ist der Motor, der Reichtum in die Regionen bringt.”


Vor seinem Abschied im Juni 2026 legt er noch die Strategie fest: mehr Präsenz in Brüssel. „Wir repräsentieren elf Prozent der EU-Exporte. Wir müssen die Gesetze von morgen mitgestalten, statt von ihnen erstickt zu werden.”
Beim Abschied gibt er denselben festen Händedruck wie in seinen Kellern im Trentino. „Geduld ist vielleicht der größte Luxus, den wir uns heute noch leisten können.” Man verlässt Matteo Lunelli mit der Gewissheit, dass er nicht nur eine Branche geführt hat, sondern die Dolce Vita selbst verinnerlicht – und sie für kommende Generationen bewahren möchte.

Axel Kmonitzek

Axel Kmonitzek

Axel vereint die Ausbildung an der Hamburg Media School mit der Passion für das Handwerk. Über eine Dekade hat er Uhren-Unikate gefertigt und prägt heute als Editor von Tweed den Blick auf Manufakturen, Autos, Reisen und die Menschen dahinter.

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