Auf Islay gibt es eine Destillerie, die seit über 200 Jahren Whisky brennt. Und einen Mann, der diese Geschichte wie kein zweiter verkörpert.
Wer nach Islay reist, braucht Zeit. Nicht wegen der Entfernung – obwohl die Überfahrt von der schottischen Küste oder der Flug von Glasgow ihren eigenen Rhythmus haben – sondern wegen der Insel selbst. Islay funktioniert anders. Die Straßen sind enger, die Abstände größer, die Gespräche länger. Wer hier ankam mit dem Plan, schnell drei Destillerien abzuhaken und am Abend wieder auf dem Festland zu sein, hat etwas missverstanden.
Lagavulin liegt im Süden der Insel, in einer kleinen Bucht zwischen den Ruinen des Dunyvaig Castle und dem offenen Atlantik. Offiziell gegründet 1816, als der Bauer John Johnston mit dem legalen Brennen begann – obwohl Aufzeichnungen belegen, dass auf dem Gelände schon seit den 1740ern Whisky destilliert wurde, damals noch ohne behördliche Erlaubnis. Der Name stammt aus dem Gälischen: Lag a’ Mhuilinn, die Mulde der Mühle. Wer einmal in der Bucht gestanden hat, versteht, warum man hier seit Jahrhunderten Whisky macht. Das Wasser fließt aus den Hochmooren durch Torf, bevor es die Destillerie erreicht. Der Wind kommt vom Meer. Die Fässer lagern in Steinhäusern, deren Mauern die Salzluft atmen.
53 Jahre, eine Insel, ein Handwerk
Iain McArthur begann seine Karriere in der Whiskybranche 1970 – zunächst in der Destillerie Port Ellen, wenige Kilometer entfernt. Als Port Ellen 1983 geschlossen wurde, wechselte er zu Lagavulin, wo er mehr als vier Jahrzehnte blieb. In dieser Zeit durchlief er verschiedene Stationen: Torf stechen, Fässer überwachen, den Bestand in den Lagerhäusern verwalten. Zuletzt war er Warehouseman – zuständig für das, was in den Fässern schlummert, und für die Menschen, die diese Fässer sehen wollen.
Im Dezember 2023 trat McArthur in den Ruhestand, nach insgesamt 53 Jahren im Whiskyhandwerk. Lagavulin ehrte ihn mit einer limitierten Abfüllung: einem 18-jährigen Single Malt, den er selbst ins Fass gefüllt hatte und der in ehemaligen Manzanilla-Sherryfässern reifte. Nur 18 Flaschen wurden produziert, zum Preis von je 350 Pfund, vergeben per Losverfahren. Dass die Zahl der Flaschen seiner Amtszeit in Jahren entsprach – 18 Jahre für ein 18-jähriges Whisky – war kein Zufall.
Das Warehouse Tasting
Was Iain McArthur über die Jahrzehnte zur Legende machte, waren nicht seine Dienstjahre allein. Es waren die Verkostungen. In einem der alten Steinhäuser, zwischen Fässern aus dem frühen und späten 20. Jahrhundert, zog er mit seiner Valinch – einem langen Kupfer- oder Edelstahlrohr – Whisky direkt aus den Fässern. Vier, fünf verschiedene Abfüllungen. Manche davon nicht käuflich. Manche mit einer Geschichte, die McArthur besser kannte als jedes Archiv.
Seine Art zu moderieren war das Gegenteil von Marketingsprache: direkt, witzig, gelegentlich unverblümt. Er fragte seine Gäste nach ihrer Herkunft, nach ihren Vorlieben, und band sie in das Gespräch ein. Wer aus Japan anreiste, wurde genauso aufgenommen wie der schottische Stammgast. Auf der Insel nennen ihn alle „Pinkie” – ein Spitzname, der mit seiner Körpergröße zu tun haben soll und der deutlich macht, wie er auf Islay eingebettet war: nicht als Markenbotschafter, sondern als Mensch.
In einem Gespräch nach seiner Pensionierung erzählte McArthur, wie seine erste Stelle in der Industrie zustande kam: Seine Mutter traf den Destilleriemanager beim Einkaufen, und am folgenden Montag stand der frisch von der Schule entlassene Iain vor dem Lagerhaus in Port Ellen. Er war, wie er selbst sagte, damals ungefähr so groß wie die Fässer.
Lagavulin ohne McArthur
Die Destillerie brennt weiter. Das Lagavulin 16 – das Standard-Abfüllungsmodell, 43 Prozent, 16 Jahre Reife – gilt unter Kennern als einer der besten rauchigen Single Malts der Welt. Der Torf, mit dem die Gerste getrocknet wird, gibt dem Whisky sein Profil: schwer, salzig, mit einer Tiefe, die polarisiert. Wer mit Laphroaig oder Ardbeg vertraut ist, weiß, in welcher Geschmackswelt man sich bewegt. Wer zum ersten Mal einen Islay-Malt trinkt, trinkt ihn besser langsam.
Das Brennverfahren von Lagavulin gehört zu den langsamsten aller schottischen Destillerien. Der erste Durchgang dauert rund fünf Stunden, der zweite bis zu neun. Die Brennblasen sind hoch gefüllt, der Kontakt zwischen Dampf und Kupfer bewusst reduziert – ein Verfahren, das dem Destillat mehr Körper und Charakter gibt. Die Lagerhäuser liegen direkt an der Küste; die Meeresluft zieht durch die Mauern in die Fässer.
Islay Time
McArthur lebt auf der Insel, die er nie für längere Zeit verlassen hat. Neben seiner Arbeit in der Destillerie betrieb er zusammen mit seinem Bruder ein Stück Land, hielt Rinder. Wer ihn auf der Fahrt zwischen Bowmore und Port Ellen an einem Feldrand entdeckt, kann anhalten. Islay kennt keine Eile.
Für Whiskyfreunde, die eine Reise nach Islay planen: Die Warehouse Experience bei Lagavulin gibt es noch immer. Iain McArthur führt sie nicht mehr durch. Aber die Fässer, aus denen er jahrzehntelang gezapft hat, lagern weiter. Manche davon werden in zehn oder fünfzehn Jahren als Flaschen in den Handel kommen – ohne dass ihr Inhalt weiß, wer daneben stand, während er reifte.
Das ist das Wesen von Whisky: Er braucht Zeit. Und Menschen, die diese Zeit verstehen.
Anreise: Ab Hamburg Flug nach Glasgow, weiter mit Mietwagen und Fähre nach Islay. Von Glasgow gibt es auch Direktflüge nach Islay mit Loganair.
Lagavulin Distillery, Isle of Islay PA42 7DZ — malts.com/lagavulin