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Geballte Innovation: Rolex und die neue Land-Dweller

Sieben Jahre Entwicklung, 32 Patentanmeldungen, eine völlig neue Hemmung: Die Rolex Land-Dweller ist die technisch ambitionierteste Uhr, die Genf seit Jahren gesehen hat – und sie sieht dabei noch gut aus.

Geballte Innovation: Rolex und die neue Land-Dweller
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Für CEO Jean-Frédéric Dufour ist die während der Watches and Wonders 2025 vorgestellte Rolex Land-Dweller ein immens wichtiges Produkt. Leitet sie doch ein neues Kapitel in der 120-jährigen Geschichte der mit Abstand bedeutendsten Schweizer Uhrenmarke ein. Nicht weniger als sieben Jahre nahm die Entwicklung in Anspruch. Am Ende blickten die Produktverantwortlichen auf nicht weniger als 32 Patentanmeldungen. Diese beziehen sich auf ganz unterschiedliche Aspekte einer Armbanduhr, deren optischer Auftritt bis ins Jahr 1974 zurückreicht. Damals debütierte die mit dem Automatikkaliber 1575 ausgestattete Datejust-Referenz 1630.

Ihre Oyster-Schale mit flacher Oberfläche kennzeichnete der so genannte Genta-Knick, welchen Gérald Genta beispielsweise der 1972 vorgestellten Royal Oak von Audemars Piguet verpasst hatte.

Übrigens war der Design-Guru schon vorher für Rolex tätig. Seinem Genius entsprang die Optik der 1970 lancierten Quartz Date, Referenz 5100, mit dem Spitznamen The Texan. Deren Gelbgold-Gehäuse mit damals opulenten 39 Millimetern Durchmesser war den Dimensionen des elektronischen Kalibers Beta 21 geschuldet. Als 1977 die Oysterquartz an den Start ging, besaß sie zur Unterscheidung von den Mechanik-Modellen eben jenes Outfit, zu dem auch ein flaches Gliederband vom Typ Jubilee gehörte. Dieses Ensemble feiert mit der Rolex Land-Dweller sein Comeback. Natürlich komplett überarbeitet, technisch aufgewertet und mit einer verdeckten Oysterclasp Faltschließe versehen. Zu den unverkennbaren Neuerungen gehört die nun breiter geriffelte Lünette. Im Verborgenen blühen ein spezielles Dichtsystem für das Saphirglas mit eingeschliffener Datumslupe und die patentierte Befestigung des Armbands am Gehäusekorpus. Hier entfalten Keramikröhrchen ihre optimierende Wirkung.


Die eigentliche Revolution heißt Kaliber 7135 und findet im Inneren statt. Sehr zur Freude von Mechanik-Voyeuren lässt sich das für Rolex-Verhältnisse flach ausgeführte Automatikwerk mit massivgoldenem Kugellagerrotor durch einen Saphirglas-Sichtboden begutachten. Dieses Oeuvre hat es im wahrsten Wortsinn in sich. Die breite Innovationen-Palette beginnt bei der sequentiell und rollend arbeitenden Hemmung namens Dynapulse. Zum Teilen der Zeit interagieren ein Übertragungsrad, zwei Verteilungsräder und eine Impulswippe. Das zur Herstellung verwendete Silizium ist leicht, völlig amagnetisch und besitzt von Hause aus sehr glatte Oberflächen. Trotzdem trägt Rolex per Spezialverfahren eine dünne Schicht Öl auf. Nachdem das hemmende und impulsgebende Miteinander 30 Prozent weniger Energie benötigt als eine klassische Schweizer Ankerhemmung, läuft der tickende Newcomer trotz erstmals bei Rolex angewendeter 5-Hertz-Hochfrequenz beachtliche 66 Stunden am Stück. Auch der vom Impulsgeber jede Zehntelsekunde einmal angeschubste Gangregler strotzt vor Neuerungen. Das beginnt beim Unruhreif aus einer Messing-Legierung, welche sich magnetischen Einflüssen bestmöglich widersetzt. Noch nie gab es auch eine Unruhwelle aus weißer, ebenfalls komplett amagnetischer Keramik.

Die Fertigung und Oberflächenbearbeitung per Femtosekundenlaser, den Augenchirurgen erfolgreich zu nutzen pflegen, führt zu der von Rolex intendierten Perfektion. Damit auch härteste Schläge gegen Uhr und Werk keine Schäden anrichten, unterlag die altbewährte Paraflex-Stoßsicherung ebenfalls einer tiefgreifenden Optimierung. Bleibt die unverzichtbare Unruhspirale. Schon seit 2014 trägt sie bei Rolex den Namen Syloxi. Thermisch stabilisiertes Silizium und in diesem Fall stärker ausgeführte Windungen bewirken akkuraten Rückschwung der Unruh. Einmal mehr haben Magnetfelder keine Chance, die überaus flotten Oszillationen aus dem Takt zu bringen. Daher sollte die Rolex Land-Dweller den natürlich nicht empfehlenswerten Aufenthalt in einem Magnetresonanztomograph grundsätzlich unbeschadet überstehen.

Weil geballte Technik gleichwohl schön aussehen soll, erhalten die Oberflächen des Kalibers 7135 einen feinen Genfer Streifenschliff. Vor dem Einbau ins Gehäuse geht’s zur offiziellen Chronometer-Zertifizierung. Und die fertige Uhr muss sich anschließend auch noch dem internen Rolex-Prüfverfahren stellen. Sollte sie pro Tag mehr als zwei Sekunden falsch gehen, heißt es nachbessern.


Ab Mai 2025 werden erste Exemplare der Rolex Land-Dweller bei den internationalen Konzessionären liegen. Zur Wahl stehen 36 und 40 Millimeter Gehäusedurchmesser, Weißgold Rolesor, Everose Roségold oder Platin als Schalen- und Bandmaterialien. Rolex offeriert insgesamt zehn verschiedene Modelle, darunter vier mit Diamanten auf Glasrand und Zifferblatt. Die Preise beginnen bei rund 15.000 Euro und reichen fast an einen sechsstelligen Betrag heran. So oder so darf sich glücklich schätzen, wer relativ kurzfristig an ein Exemplar gelangt. Wartelisten sind also wie üblich vorprogrammiert.

Gisbert L. Brunner

Gisbert L. Brunner

Gisbert Brunner gilt als einer der renommiertesten Uhren-Journalisten im deutschsprachigen Raum. Für TWEED schreibt er gelegentlich als Gastautor – über feine Mechanik, ihre Macher und die Geschichten dahinter.​​​​​​​​​​​​​​​​

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