Drei Tage unter Sammlern beim Concorso d’Eleganza Varignana 1705. Die Sonne brennt bereits um acht Uhr morgens auf die bolognesischen Hügel. JP von Classic Driver bestellt einen doppelten Espresso. Vor dem Palazzo Bentivoglio – vier Türme, Baujahr 1705 – parkt ein Alfa Romeo 6C 2500 SS. Fünfundsiebzig Jahre alt, makellos. Der Lack spiegelt die historischen Mauern.
Am Nebentisch ein Paar in Vintage-Kleidung. Er: Tweedjacket, britischer Schnitt. Sie: Hermès-Tuch, Fünfziger-Jahre-Sonnenbrille. „Schau dich um”, sagt JP. „Jeder zweite hier ist kostümiert. Das ist kein Zufall.”
Vor uns: 37 Automobile. Jedes einzelne handverlesen. Die meisten gebaut vor 1973. Gesamtwert? Schwer zu schätzen. Aber mehrere Hundert Millionen Euro, konservativ gerechnet.

„Como 1929”, sagt JP. „Damals war das eine Verkaufsshow. Die Karosseriebauer präsentierten ihre neuesten Modelle. Schauspieler und Mode-Leute wählten den Gewinner. QVC für Millionäre.” Er lacht. „Heute ist es anders. Heute bezahlt man 4.250 Euro, um hier sein zu dürfen.”
Für das Geld: Unterkunft im Resort. Fünf Restaurants. Varsana SPA. Sieben Pools. Das Palazzo di Varignana erstreckt sich über 30 Hektar, umgeben von Hunderten Hektar Olivenhaine und Weinberge. Eigene Ölproduktion. Eigener Wein. Und vor allem: die Chance auf eine Trophäe.
Eine Jury aus Pebble Beach und Villa d’Este

Die Jury sitzt unter einem weißen Pavillon. Stefano Pasini, der Vorsitzende, macht sich Notizen. Neben ihm Lorenzo Ramaciotti, ehemaliger Chefdesigner der Fiat Group. François Melcion von der Rétromobile Paris. Laura Kukuk, Expertin für Authentifizierung klassischer Automobile, Jurorin in Pebble Beach und Villa d’Este. Internationale Elite.
Sie bewerten nach drei Kriterien: Eleganz, Originalität, historische Relevanz. Aber JP kennt die Wahrheit. „Bei Punktgleichstand zählen andere Dinge. Ist der Besitzer persönlich hier? Oder nur sein Kurator? Hat das Auto an der Tour teilgenommen?” Er beugt sich vor. „Das macht den Unterschied.”
Originalität – bei Autos, die älter sind als die meisten Menschen hier?
JP grinst. „Ein Bentley 4 ½ Liter braucht einen modernen Kühler, sonst stirbt er im Verkehr. Die Jury weiß das. Das ist okay.” Pause. „Aber zeig ihnen kein modernes Radio. Keine Euro-Kennzeichen. Zwei Schrauben lösen. Original-Schilder drauf. Die Details entscheiden.”
11 Uhr. Die Jury beginnt. Die 37 Autos stehen in perfekter Reihe. Bei einem Ferrari 121 LM – Baujahr 1955 – entsteht ein Menschenauflauf. Nur vier Exemplare wurden je gebaut. Dieser gehört Elad Shraga. 4,4-Liter-Reihensechszylinder. 360 PS. Renngeschichte aus den Fünfzigern, verbunden mit Legenden wie Carroll Shelby und Phil Hill.
„Siehst du den Unterschied?”, fragt JP. „Die Jury will Perfektion. Das Publikum will Geschichten.” Er zeigt auf den Ferrari. „Der ist nicht perfekt restauriert. Aber er hat Geschichte geschrieben. Das fühlt man.”
Parade auf der Bentivoglio-Terrasse
Nachmittag, 15 Uhr: Parade auf der Bentivoglio-Terrasse. Ein Motor nach dem anderen erwacht. Das Dröhnen hallt zwischen den Mauern. Ein Bugatti. Ein Lancia. Drei Ferrari. Die Zuschauer applaudieren.
19:30 Uhr: Gala. Black Tie obligatorisch. Laurent Perrier fließt. Die historischen Säle sind kerzenbeleuchtet. Stuck an den Decken, alte Gemälde an den Wänden. Die Gewinner werden verkündet.
Best of Show: Corrado Lopresto. Zum zweiten Mal. 2023 gewann er mit einer Alfa Romeo 6C 2500 S Berlinetta Touring, Baujahr 1939. Heute mit der 6C 2500 SS Berlinetta Pinin Farina von 1950. Das erste Auto der Welt mit Doppelscheinwerfern. Eine Ikone.
Chairman’s Award: Björn Schmidts Alfa Romeo 6C 2500 SS Cabriolet Pinin Farina. Nur 40 Exemplare dieser Karosserie existieren. Dieses war einst mit Rita Hayworth verbunden. Hollywood trifft Nachkriegs-Italien.

Trofeo del Pubblico: Der Ferrari 121 LM gewinnt. Der Applaus übertönt alles andere.
Mitternacht, Transporter, Heimreise
Draußen, 22 Uhr. Feuerwerk über den Hügeln. Ein Teilnehmer, der nicht genannt werden möchte, steht neben mir, Champagner in der Hand. „Sandra Button hat es mal gesagt”, erzählt er. „Das Schönste an diesen Events? Man reist mit derselben Familie um die Welt. Dieselben Gesichter. Dieselbe Leidenschaft.”
Eine Rakete explodiert. Der Palazzo leuchtet rot, dann gold.
„Wer einmal hier war”, sagt er, „versteht es. Die Leute haben Spaß. Aber sie nehmen es todernst. Beides gleichzeitig. Das ist die Kunst.”
Mitternacht. Die letzten Gäste verlassen den Palazzo. Morgen früh: Transporter. Deutschland. England. Amerika. Die Trophäen sind eingepackt.