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Business-Reisen mit Kultur

Unser Autor Bernhard Roetzel erzählt in seiner Kolumne, wie man Geschäftsreisen zweckfrei sinnvoll nutzen kann.

Business-Reisen mit Kultur

Wer viel geschäftlich reist, wird oft beneidet. Heute London, übermorgen Paris, in der Woche drauf New York. Wer unter dieser Art von Pensum zu leiden beginnt, sollte sich ab und zu vergegenwärtigen, dass Business-Trips, neben ihrem eigentlichen Zweck, die Chance auf interessante Erfahrungen, spannende Begegnungen und Horizonterweiterungen bieten. Wenn man denn bereit ist, die sich immer mal auftuenden Zeitfenster zu öffnen und hindurchzugehen. Wobei das Wort „Zeittür“ besser zum Beginn einer Wanderung passen würde.

Ein Freund aus Hamburg, der häufig in Mailand zu tun hat, fährt nach dem Termin immer so spät wie möglich zum Flughafen. Denn als Kunstfreund besucht er möglichst jedes Mal die Pinacoteca di Brera. Museumsbesuche sind unter Vielfliegern erstaunlicherweise ein seltener Zeitvertreib.  Jedenfalls kenne ich ansonsten nur noch eine Französin, die fast jede Reise für Ausstellungsbesuche nutzt. Sie arbeitet in der PR-Abteilung eines großen Modehauses und ich traf sie in Hannover. Das ist nicht unbedingt eine Traumstadt, dennoch bietet sie einige interessante Museen. Als Sohn dieser Stadt weiß ich das natürlich, dass es aber auch die Pariserin wusste, beeindruckte mich.

Wir waren beide wegen eines Events in der Stadt und während ich die Wartezeit bis zum Abend dazu nutzt, um in einem lokal sehr bekannten Café die Haustorte mit Schlagsahne zu genießen, eilte die PR-Dame in das Sprengel-Museum. Gestiftet von einem kunstsinnigen Schokoladenfabrikanten gehört die Sammlung zu den bedeutendsten Deutschlands. Und der Museumsbau selbst ist ebenfalls äußerst sehenswert. Ich kam mir fast wie ein Banause vor, als ich in der Konditorei saß. Wobei kulinarische Genüsse das Reisen unbedingt verschönern. Taxifahrer machen enorme Umsätze mit Feinschmeckern, die eben noch schnell eine Schachtel Macarons erstehen müssen, einen seltenen Likör oder auch ein ganz bestimmtes Meersalz.

Ein Freund von mir hätte sogar einmal einen Flug verpasst, weil in seinem Stammlokal die Bistecca Fiorentina länger als üblich auf sich warten ließ. Er konnte noch umbuchen und in Ruhe aufessen. Ein Autorenkollege plant seine Garderobe um die regelmäßigen Londonreisen herum, die sich aus seiner Tätigkeit für eine Frankfurter Anwaltskanzlei ergeben. Vielleicht plant er auch seine Reisen um die Termine seiner Anproben herum. Jedenfalls schaut er vor der Fahrt zum Flughafen immer bei seinem Schneider vorbei. Und wenn die Zeit sehr knapp ist, findet die Anprobe eben am Flughafen statt. Ich kenne mehrere Geschäftsreisende, die am Rande ihrer Termine Kleidung, Schuhe oder Accessoires erstehen. Ein Bekannter, der im Vertrieb eines Chemiekonzerns arbeitet, kaufte ausschließlich in Flughafenboutiquen ein. Und ein mir bekannter Werbemann, der nebenbei Krawatten sammelt, klappert weltweit die Shops einer bestimmten italienischer Marke ab, da er dort die anderswo bereits ausverkauften Limited-Editions findet. Und schließlich die Musik und das Theater. Ein Trip nach Moskau ohne Besuch des Bolschoi-Theaters? Undenkbar für einen Clubfreund, der in der Pianobranche tätig ist. Oder Wien ohne die Philharmoniker. Ein Verbrechen. Wer darüber klagt, dass er drei Tage die Woche unterwegs ist, sollte nach der Besprechung einfach mal nicht gleich zum Flughafen rausfahren. In der Lounge wird sowieso gleich wieder gearbeitet. Reisen bildet. Wenn man dem Reisen die Chance dazu gibt.

Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel ist Autor des Standardwerks Der Gentleman und seit der ersten Ausgabe feste Instanz im TWEED Magazin. Er schreibt über Stil, Handwerk und die Kultur des gepflegten Erscheinungsbilds.​​​​​​​​​​​​​​​​

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