Es gibt in der Geschichte der Mode viele verunglückte Designs, aber vielleicht war keines so verunglückt wie der weinrote Pullover einer Kandidatin in einer nachmittäglichen Antiquitätenverkaufssendung, auf dem in bunten Blumenranken geschrieben stand „There is beauty in simplicity”. Dieser Pullover war derartig verunglückt, dass er gegen sich selbst protestierte. Sein Hilfeschrei ist angekommen und soll an dieser Stelle ein Echo finden.
Sweatshirts, Hoodies und Leibchen mit lustigen Aufschriften, aufgestickten Lebensweisheiten oder gesellschaftskritischen Statements feiern unerfreulicherweise mal wieder ein Comeback. Dabei waren und sind sie eigentlich immer eine schlechte Idee, denn die Botschaft, die sie verbreiten, kann eigentlich nur zu platt oder zu kontrovers sein. Und wenn es dem Träger doch gelingen sollte, den schmalen Grat dazwischen zu treffen, dann ist es immer noch eine Stilfrage, ob man das Gegenüber ungefragt mit Lesestoff behelligen möchte. Dabei wirkt die leicht infantile Anmutung eines Mottoshirts bei einer Frau unter Umständen noch verspielt-putzig, bei einem erwachsenen Mann wirkt sie schlichtweg lächerlich. Wobei es natürlich auf den gesellschaftlichen Kontext ankommt, in dem man sich bewegt. Wer beispielsweise auf dem Ballermann Respekt vor den kulturellen Gepflogenheiten zeigen und sich an den lokalen Dresscode halten möchte, greife durchaus beherzt zu einem Shirt mit dem Aufdruck „Ich bin zwar kein Gynäkologe, aber ich kann es mir ja mal angucken”. Zurück im Büro verzichten Sie dann bitte wieder auf dieses Teil und vernichten am besten auch alle Fotobeweise ihres Urlaubs. Und wenn Sie schon dabei sind auszumisten, versteigern Sie bitte auch die Band Shirts, die Sie beim letzten Besuch bei den Eltern in Ihrem Jugendzimmer gefunden haben auf Ebay, oder vererben Sie diese an Ihre Kinder. Wer die Tourdaten von Duran Duran aus dem Jahr 1984 auf seinem Rücken spazieren trägt, sieht nämlich unweigerlich nach Midlife Crisis aus.
Eine komplizierte Angelegenheit sind solche Kleidungsstücke, die einen tatsächlich originellen Inhalt zur Schau stellen. Der Wortakrobat Max Goldt beispielsweise kreiert gemeinsam mit dem Zeichner Stephan Katz kleine Kunstwerke, druckt sie auf T-Shirts und vertreibt sie im Internet. Das Küken auf der Streichholzschachtel, das „Sie unterschätzen den Befehlscharakter meiner Vorschläge” - also das inoffizielle Motto dieser Kolumne - schimpft, genießt unter Max Goldt-Anhängern Kultstatus. Dabei ist durchaus verständlich, dass Künstler ihr Werk kommerzialisieren möchten. Aber bei aller Sympathie - die gezeichneten Kleinode sind doch auf Postkarten oder in Büchern für die Gästetoilette besser aufgehoben.
Nun ist in diesen gesellschaftlich polarisierten Zeiten auch die Versuchung groß, es Hollywoodstars gleich zu tun und seine Haltung in Form von T-Shirts mit politischen Slogans buchstäblich vor sich herzutragen. Doch ist ein textiles Plakat kein Beitrag zu einem zivilisierten Diskurs, sondern ein Mode gewordenes auf den Tisch hauen. Es ist Ausdruck überhöhten Sendungsbewusstseins und damit das Gegenteil dessen, was unsere Gesellschaft braucht: Neugierde auf die Meinung des anderen und die Bereitschaft zuzuhören statt dem Bedürfnis, die eigene Sicht seinen Mitmenschen verbal oder per Siebdruck ins Gesicht zu brüllen. Für Hannah Arendts Ausspruch „Wahrheit gibt es nur zu zweien” sollte in diesen besonderen Tagen vorübergehend eine Ausnahme gemacht werden - bitte tragen Sie diese versöhnliche Weisheit in die Welt, auch auf Kleidung aller Art. Alle anderen Bekenntnisse behalten Sie bitte für sich, bis der richtige Moment gekommen ist, um sie mit anderen politisch Interessierten respektvoll auszutauschen.