Der Stanglwirt kann auch Familie
Er ist einerseits legendärer Treffpunkt der Hautevolee, andererseits ein familiärer Tiroler Traditionsbetrieb. Als meine siebenjährige Tochter Freda und ich die imposante Lobby betreten, schwindet angesichts von Kronleuchtern, handgefertigten Möbeln und dezenten Pianoklängen meine Skepsis schneller als erwartet.





Was dieses zweifellos exklusive Haus auszeichnet, ist nicht der demonstrative Luxus. Stattdessen findet man hier eine Selbstsicherheit, die nur aus Tradition erwachsen kann. Während andere Häuser dieser Preisklasse Trends hinterherlaufen, bleibt der Stanglwirt konsequent bei seiner Linie und bietet erstklassige Tiroler Gastlichkeit in einer Perfektion, die nicht aufdringlich wirkt.
Gegen jeden Zeitgeist ließ Balthasar Hauser 1998 ein altes Gehöft zum Kinderbauernhof umfunktionieren, der heute jeden Urlaub mit Kindern maßgeblich prägt. Hier wartet keine digitale Spielwiese, sondern es zählen echte Tiere, echtes Heu und authentische Erfahrungen auf höchstem Niveau. Freda verschwindet dort stundenlang. Sie kehrt mit Stroh im Haar und leuchtenden Augen zurück, die kein Bildschirm der Welt erzeugen kann. Die betreuenden Pädagoginnen lassen die Kinder tatsächlich arbeiten: füttern, pflegen, verantwortlich sein. Es offenbart sich eine bemerkenswerte pädagogische Sorgfalt inmitten sonnendurchfluteter, perfekt erhaltener Räumlichkeiten.
Die Wasserwelt mit ihrer 120-Meter-Rutsche wird zu unserem täglichen Fixpunkt. Massiver Naturstein und der freie Blick auf das Bergpanorama bilden die Kulisse für ein Wasserparadies, das selbst verwöhnte Kinder beeindruckt. Hier fällt auf, was den Stanglwirt im Kern ausmacht: Nach der fünften Rutschenabfahrt bemerke ich, dass ich aufgehört habe, auf die Uhr zu schauen; wir genießen einfach die gemeinsame Zeit.
Bemerkenswert ist die Selbstverständlichkeit, mit der unterschiedliche Familienmodelle in diesem gehobenen Ambiente Raum finden. Die anwesenden Prominenten, darunter ein Fußballer am Pool und eine Moderatorin beim Frühstück, werden diskret behandelt. Das ist in diesen erlesenen Kreisen vielleicht der wahre Luxus.
Am letzten Abend fragt Freda: „Kommen wir wieder?“ Sie tut dies nicht überschwänglich, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die mehr sagt als jedes große Wort. Sie hat im Kinderbauernhof echte Verantwortung getragen:
„Ich habe richtig gearbeitet, nicht nur gespielt“, sagt sie, während sie über ihren Apfelsaft blinzelt.
Der Stanglwirt ist keine protzig-moderne Luxusherberge und ebenso wenig ein gewöhnlicher Familienbetrieb. Er ist ein außergewöhnliches Refugium, das Exklusivität mit Authentizität verbindet. Es ist ein Haus, das nicht vorgibt, etwas zu sein, was es nicht ist, und das sich nicht ständig neu erfinden muss, weil es genau weiß, was es seinen anspruchsvollen Gästen bieten kann.
In einer Welt voller inszenierter Momente liegt darin vielleicht der größte Vorzug für einen gelungenen Urlaub mit Kindern: Der Stanglwirt ist ein Ort, an dem man trotz aller Exklusivität einfach sein darf, ohne permanent das Gefühl zu haben, einer Rolle gerecht werden zu müssen. Hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich die womöglich ehrlichste Familienoase der Alpen für jene, die sie zu schätzen wissen.