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Die Universal Genève Polerouter

Die Universal Genève Polerouter vereint Luftfahrt-Historie, Gérald-Genta-Design und bahnbrechende Technik. Warum diese Vintage-Uhr ein echter Geheimtipp ist.

Die Universal Genève Polerouter
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In der ersten Ausgabe der Uhrenkolumne „Zehn nach Zehn“ geht es um einen der spannendsten Geheimtipps auf dem Vintage-Uhren-Markt. Um eine Uhr, die historische Relevanz, faszinierende Technologie und bahnbrechendes Design auf einzigartige Weise miteinander vereint und dabei (noch) überraschend günstig zu finden ist.

Lehnen Sie sich zurück, ich erzähle Ihnen eine kurze Geschichte: Wir befinden uns in den frühen 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Welt erholt sich langsam von den Schockstarren des Krieges, und die Menschen entwickeln wieder das Bedürfnis, neue Kontinente zu entdecken. Deshalb startet die skandinavische Fluggesellschaft SAS im Jahr 1952 ihren ersten transatlantischen Flug von Kopenhagen nach Los Angeles. 54 abenteuerlustige Passagiere werden in einer Douglas DC-6B von Nordeuropa an die US-amerikanische Westküste transportiert. Da der Flug allerdings unglaubliche 36 Stunden dauert, beginnen die Skandinavier schon bald, nach neuen Wegen zu suchen, die Reisezeit zu verkürzen.

Ab dem 15. November 1954 wird die ursprüngliche Route geändert, und die viermotorige Maschine überquert auf ihrer Reise in die USA fortan den Nordpol, wodurch die Flugzeit um sagenhafte 14 Stunden reduziert werden kann. Allerdings stellen die Piloten auf Testflügen mit Erschrecken fest, dass ihre mechanischen Uhren nach dem Überfliegen der neuen Route nicht mehr die korrekte Zeit anzeigen, was sie vor enorme Herausforderungen stellt: Präzise laufende Armbanduhren sind für die Bord-Navigation in den 1950ern unabdingbar. Die Ursache des Problems ist schnell identifiziert: Die starken magnetischen Felder über dem Nordpol lassen die ungeschützten Werke der Armbanduhren verrücktspielen – da muss dringend eine Lösung gefunden werden.

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Die Fluggesellschaft wendet sich an Universal Genève, zu der Zeit ein Gigant der Schweizer Uhrenindustrie, auf Augenhöhe mit Rolex und Omega. Der Arbeitsauftrag an die Schweizer Uhrenexperten ist eindeutig: Es soll ein Zeitmesser für die Piloten entwickelt werden, der den extremen Magnetfeldern über dem Nordpol technologisch standhält und dabei elegant und attraktiv daherkommt, um die außergewöhnliche Pionierleistung der neuen Polar-Route mit der eigens dafür entwickelten Uhr gebührend und mit Stil zu zelebrieren.

Bildunterschrift: Design-Debüt: Die Polerouter ist das Erstlingswerk des legendären Gérald Genta und ein wunderbares Stück Uhrengeschichte.

Universal nimmt die Herausforderung an und engagiert für die Konzeption den damals noch völlig unbekannten, erst 23 Jahre alten Designer Gérald Genta. Dieser wird später durch die Entwürfe der Audemars Piguet Royal Oak und der Patek Philippe Nautilus horologischen Weltruhm erlangen und 1969 seine eigene Marke gründen. Doch zunächst erschafft der 1931 in Genf geborene Genta eine Uhr, die er mit einem für die damalige Zeit bahnbrechend-innovativen Zifferblatt aus Weicheisen ausstattet, wodurch sie auch stärkstem Magnetismus Paroli bieten kann. Diese wird von Universal im Jahr 1954 zunächst als „Polar-Router“ lanciert, erhält aber bereits zwei Jahre später ihren finalen Namen „Polerouter“, den sie für den Rest ihrer anderthalb Jahrzehnte andauernden Bauzeit behalten soll.

Ausgestattet ist die Polerouter mit einem 35 mm messenden Gehäuse, das aufgrund seiner Bauart etwas größer erscheint und somit auch für heutige Verhältnisse durchaus tragbar ist, ohne am Handgelenk verloren zu wirken. Ihre leicht geschwungenen Bandanstöße verleihen der Uhr eine subtile Eleganz und Sportlichkeit, die geringe Bauhöhe von gerade einmal 10 mm gibt der Uhr am Arm eine wunderbare Leichtigkeit.

Obwohl die Polerouter ursprünglich als funktionale Pilotenuhr mit klarem Einsatzzweck entwickelt wurde, ist sie durch ihr ziviles Design nie als solche zu erkennen. Sie bricht klar mit dem typischen Fliegeruhr-Design der damaligen Zeit und trägt den Nerz ihrer technologischen Kompetenz eher innen. Nur Eingeweihten offenbart sich dieser Chronometer als professionelles Fluginstrument.

Im Inneren der Polerouter tickt das technologisch bahnbrechende Kaliber 215 (später abgelöst durch das Kaliber 218), das durch den Einsatz eines innovativen Mikro-Rotor-Konzepts in der Höhe gerade einmal 4 mm misst und damit zur elitären Gruppe der damals weltweit dünnsten Automatikwerke gehört. Die Legende besagt, dass die Ingenieure von Patek Philippe ebendieses Werk als Vorlage für ihr legendäres Kaliber 240 genutzt haben – ein technologischer Ritterschlag, der bedeutender kaum sein könnte.

Ob nun wegen der wunderbaren Geschichte der Uhr als Teil der Luftfahrt-Historie, aufgrund der Tatsache, dass sie das Erstlingswerk des legendären Gérald Genta ist oder wegen der bahnbrechenden Mikro-Rotor-Technologie – es fällt ausgesprochen leicht, eine Faszination für die Polerouter zu entwickeln. Dabei verwundert es, dass dieses Kleinod vom Uhren-Hype der vergangenen Jahre bislang weitestgehend verschont geblieben und bis heute eigentlich nur eingefleischten Kennern und Sammlern ein Begriff ist. Gute Exemplare sind auf dem Markt daher noch relativ einfach zu finden und kosten selten mehr als 2.000 Euro, mit etwas Glück und Geduld sind ordentliche Uhren bereits ab 1.000 Euro zu bekommen. Mein folgender Ratschlag wird Sie daher kaum verwundern: Machen Sie sich dringend auf die Suche nach diesem wunderbaren Stück Uhrengeschichte. Sie werden es nicht bereuen.

Dr. Max Fischer

Dr. Max Fischer

Max verbindet Unternehmertum mit seiner Passion für Uhren. Er blickt hinter die Kulissen: Statt nur Marken stehen Mechanik, Märkte und die tieferen Geschichten der Uhrenwelt im Fokus – ein Blick für das Besondere jenseits des Offensichtlichen.

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