Im UhrForum verlangt ein freier Uhrmacher mittlerweile 500 Euro für die Revision einer Dreizeigeruhr. Im Faden darunter fragt niemand mehr nach Rabatt. Die Meisterbetriebe finden keine Lehrlinge, ein Platz an einer Uhrmacherschule kostet den Ausbildungsbetrieb mehrere tausend Euro im Jahr, und in Hamburg stehen Männer an der Drehbank, die längst im Ruhestand sein könnten. Während die Konzerne Rekordmargen bilanzieren, dünnt das Handwerk aus, das ihre Uhren am Laufen hält.

Jon Cruys hat dafür eine Formel aufgestellt. Der belgische Sammler betreibt in Manhattan den Salon INDIES.NYC. Ab dem 15. Oktober fließt ein Prozent des Nettoerlöses jeder vermittelten Uhr an eine Ausbildungsstätte. Welche Schule das Geld bekommt, wählt der ausstellende Uhrmacher selbst; einen Fonds gibt es nicht, ein Vergabegremium auch nicht. Zu den Empfängern gehören Schulen in Paris, Espoo und Athlone. Michel Boulanger, der an der Pariser École Diderot unterrichtet und gemeinsam mit Philippe Dufour das Projekt Naissance d'une Montre verwirklichte, bemisst den Wert nicht in Euro: Entscheidend sei, dass die Szene die Ausbildungsstätten überhaupt wieder wahrnimmt. Im irischen Athlone wird die Uhrmacherausbildung gerade erst wieder aufgebaut.
Rechnerisch bleibt die Initiative bescheiden. Ein Prozent von einer 30.000-Euro-Uhr sind 300 Euro. Ein einziger Jahrgang an der Uhrmacherschule in Glashütte verschlingt ein Vielfaches. Hinzu kommt das Geschäftsmodell: Die fünf Prozent Vermittlungsgebühr, die INDIES.NYC ansetzt, sind vertraglich nicht fixiert, sondern dem Uhrmacher anheimgestellt. In den einschlägigen Foren wittert man hinter solchen Modellen gewohnheitsmäßig eine PR-Agentur. Doch in Hudson Yards arbeiten drei Personen. Es gibt keine Standgebühren, nur Einladungslisten. Zur Herbstausgabe kommen 23 unabhängige Ateliers – von Kallinich Claeys aus Glashütte über Sarpaneva aus Helsinki bis Garrick aus der Grafschaft Norfolk. Im Frühjahr standen dort noch zehn Tische.
Die Beträge aus Manhattan werden das Nachwuchsproblem nicht lösen. Aber sie stehen symbolisch für einen Punkt, an der die kollektive Verantwortung für die Branche beginnt.