
Wir sind in Rom bei Brioni. „Probieren Sie es an", sagt Angelo Petrucci und reicht mir ein Sakko aus dem Utopia Super 220's-Stoff. Im Brioni-Showroom in Rom hängen perfekt arrangierte Anzüge an den Wänden. Petrucci selbst trägt einen makellosen dunkelblauen Anzug. Seine Hände – jahrzehntelange Arbeit hat sie gezeichnet – zupfen mit einer beiläufigen Präzision am Revers.
Ich schlüpfe in den Anzug, der eigentlich für die etwas kleinere italienische Statur geschnitten ist. Die Ärmel enden etwas zu früh, die Schultern sind etwas zu eng. Und doch – sobald der Stoff meinen Körper berührt, verstehe ich, was Petrucci meint: Es ist ein völlig anderes Tragegefühl, federleicht und dennoch präsent. „Spüren Sie den Unterschied?", fragt er, und ich kann nur nicken.
Die Sensibilität in den Fingern
„Die Sensibilität in den Fingern ist entscheidend", erklärt er ruhig. „Ich wasche meine Hände stets mit einer speziellen Seife." Seit mehr als zwanzig Jahren ist Petrucci Chef-Schneider bei Brioni – ein Meister seines Fachs, dessen Lebensweg eng mit Stoff und Nadel verwoben ist.




Von Penne in die Schneiderschule: der 16. September 1985
Seine Geschichte beginnt in Penne, einem 13.000-Einwohner-Ort in den Abruzzen. Petruccis Mutter war Schneiderin, er selbst wollte Architekt werden – bis zu jenem Tag, der alles veränderte. „Es war der 16. September 1985", erinnert er sich genau. „Ein paar Wolken am Himmel, ein schöner Tag." Mit weniger als 14 Jahren besuchte er die Brioni-Schneiderschule, eigentlich nur zur Besichtigung.

„Ich trat ein und sah eine völlig andere Welt", erzählt er. „Sofort wusste ich: Das ist mein Leben." Eine Eingebung, die sich bewahrheiten sollte.
Dabei hatte sich seine Bestimmung schon früher angedeutet. Mit einem Schmunzeln gesteht Petrucci: „Als ich drei oder vier Jahre alt war, habe ich zuhause die Vorhänge zerschnitten, um sie neu zu machen. Das Ergebnis war nicht besonders gut." Er lacht herzlich.
Am ersten Tag seiner Ausbildung reinigten die Schüler gemeinsam die Nähmaschinen und richteten ihre Arbeitsplätze ein. Eine grundlegende Lektion: Bevor man erschaffen kann, muss man Respekt vor dem Werkzeug haben.
Die „Journey"-Hose: Komfort mit unsichtbarem Gummizug
Während wir durch den Showroom gehen, zeigt Petrucci auf eine Reihe klassisch geschnittener Hosen. „Hier ist etwas Besonderes", sagt er und präsentiert die „Journey"-Hose mit unsichtbarem Gummizug. „Sie sitzt im Stehen perfekt und passt sich im Sitzen flexibel an."
Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: „Ein Kunde war so begeistert, dass er gleich 55 Stück bestellte. Aber wir hatten auch schon den Fall, dass die Frau eines Kunden ihrem Mann verboten hat, diese Hosen zu kaufen – aus Angst, er würde durch den Komfort noch zunehmen und die Diät vergessen."
Utopia Super 220's: feiner als ein menschliches Haar
Besonders stolz ist Petrucci auf die Zusammenarbeit mit dem französischen Stoffhersteller Dormeuil. Gemeinsam entwickelten sie den Utopia Super 220's-Stoff, dessen Fasern mit nur 12,75 Mikron feiner sind als ein menschliches Haar. „Fühlen Sie", fordert er mich auf und reicht mir ein Stoffmuster. Die Fingerspitzen registrieren eine außergewöhnliche Weichheit. „Es ist das Ergebnis jahrelanger Entwicklung. Wir verwenden eine spezielle Webtechnik, bei der zwei Garne zu einem Faden verdreht werden."
Die Reisejacke von 1968 und ihre 18 Taschen
In einer Ecke des Showrooms hängt eine Reisejacke – das erste Modell wurde 1968 für einen Kunden aus Kalifornien entworfen. „Er wollte seinen Aktenkoffer ersetzen", erklärt Petrucci und zeigt die 18 durchdachten Taschen, die vom Brillenfach bis zum Zigarrenetui alles bieten, was man unterwegs braucht.
„Slow Luxury": mehr als 200 Hände für einen Anzug
Die Philosophie hinter diesen Kreationen nennt Petrucci „Slow Luxury" – Qualität statt Quantität, Beständigkeit statt Trends. „In einer schnelllebigen Welt bieten wir etwas Zeitloses", sagt er überzeugt. Ein Brioni-Anzug durchläuft mehr als 200 Hände, bevor er fertig ist.
83 Prozent Unsichtbares: was einen Brioni-Anzug ausmacht
„Das Besondere an einem Brioni-Anzug erkennt man nicht auf den ersten Blick", erklärt er und zeigt mir die Innenseite eines Sakkos. „83 Prozent unserer Arbeit ist innen, unsichtbar. Sieben Materialschichten sorgen dafür, dass der Anzug sich dem Körper anpasst. Nach zwei Stunden Tragen beginnt man erst, die wahre Qualität zu spüren."
„83 Prozent unserer Arbeit ist innen, unsichtbar."
„Ich bin Handwerker" – nicht Designer
Als ich ihn frage, ob er sich als Designer sieht, schüttelt Petrucci den Kopf. „Ich bin Handwerker. Meine Aufgabe ist es, die Persönlichkeit des Kunden durch Kleidung zum Ausdruck zu bringen." Diese Bescheidenheit hat auch Prominente wie Pierce Brosnan oder Gerhard Schröder überzeugt.
Das Geheimnis seiner Hände
Als wir zum Abschluss durch den Showroom gehen, fällt mir auf, wie Petrucci immer wieder kleine, kaum sichtbare Korrekturen an den ausgestellten Anzügen vornimmt – hier ein Revers glattstreicht, dort einen Ärmel richtet. Selbst wenn niemand es bemerken würde, sein Auge für Detail verlangt Perfektion. In diesem Moment wird klar: Angelo Petrucci schneidert nicht nur Anzüge – er bewahrt eine Tradition, die mehr ist als Handwerk.
In einer Welt der flüchtigen Mode erhält er eine Kunst, die nicht nur Stoffe, sondern auch das Selbstverständnis von Männern formt. Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis seiner Hände: Sie schaffen nicht nur das Vergängliche, sondern streben nach dem Bleibenden.
Häufige Fragen zu Brioni und Angelo Petrucci
Wer ist Angelo Petrucci?
Angelo Petrucci ist seit mehr als zwanzig Jahren Chef-Schneider bei Brioni. Er stammt aus Penne in den Abruzzen und trat mit weniger als 14 Jahren in die Brioni-Schneiderschule ein.
Was macht einen Brioni-Anzug besonders?
83 Prozent der Arbeit an einem Brioni-Anzug liegen im Inneren und bleiben unsichtbar. Sieben Materialschichten sorgen dafür, dass sich der Anzug dem Körper anpasst; mehr als 200 Hände arbeiten an einem einzigen Anzug.
Was ist der Utopia Super 220's-Stoff?
Utopia Super 220's ist ein von Brioni gemeinsam mit dem französischen Stoffhersteller Dormeuil entwickelter Stoff. Seine Fasern messen nur 12,75 Mikron und sind damit feiner als ein menschliches Haar. Bei der Webtechnik werden zwei Garne zu einem Faden verdreht.
Was bedeutet „Slow Luxury" bei Brioni?
„Slow Luxury" beschreibt Petruccis Philosophie: Qualität statt Quantität, Beständigkeit statt Trends – Kleidungsstücke, die dem Tempo der Mode bewusst entzogen sind.
Was ist die Brioni „Journey"-Hose?
Die „Journey"-Hose besitzt einen unsichtbaren Gummizug im Bund. Sie sitzt im Stehen perfekt und passt sich im Sitzen flexibel an.
Was ist die Brioni-Reisejacke?
Das erste Modell entstand 1968 für einen Kunden aus Kalifornien, der seinen Aktenkoffer ersetzen wollte. Die Jacke verfügt über 18 Taschen – vom Brillenfach bis zum Zigarrenetui.